Justinians Verfluchungen der Lehre von Origenes

Der aus Ägypten stammende Origenes (ca. 184-253)

war ein entschiedener Kämpfer gegen die Aushöhlung des ursprünglichen urchristlichen Glaubens und Lebens. Er studierte die überlieferten Texte der Bibel kritisch und unterschied mit seinem klaren Geist Ursprüngliches von Fälschungen und Hinzufügungen. Für Origenes, auch »der Diamantene« genannt, war die sichtbare Welt eine Folge des Abfalls einiger ursprünglich reiner Geisteswesen von Gott. Durch die Erlösertat Christi auf Golgatha hatten alle Menschen und Seelen die Möglichkeit erhalten, mit Christi Hilfe und durch ein Leben nach den göttlichen Gesetzen wieder in die reinen Welten zurück zu gelangen. Dieser Rückweg kann nun in wiederholten Einverleibungen erfolgen. Origenes lehrte also das Gesetz der Reinkarnation.

"Nach Origenes werden alle Geister in der Form ihres individuellen Lebens schliesslich zurückgeführt, gereinigt und verklärt, um einer neuen Weltepoche zu dienen, nachdem das sinnlich Materielle durch Verklärung gleichsam ausgeglüht ist. Die "Auferstehung des Fleisches" hat er so gedeutet, dass ein Geist-Lichtkörper (corpus spirituale) auferstehen wird, dessen Keim bereits in dem sinnlichen Leib verborgen liegt und hier unbemerkt zu mannigfaltiger Entfaltung kommt. Alle Eigenschaften des Sinnlichen, ja auch alle Glieder, die sinnliche Funktionen haben, werden diesem neuen Leibe fehlen, und er wird, wie die Engel und Gestirne, in Lichtglanz strahlen.

Unter Ablehnung der Lehre, dass die Seele mit dem Körper zunächst stirbt und sich auflöst, nahm Origenes an, dass die Seelen der Entschlafenen sofort in das (zur Erde gehörige) Paradies kommen und dort lehrend und lernend sich höher entwickeln. Die noch nicht geläuterten Seelen dagegen werden in einen Strafzustand geschickt, ein Straffeuer, das aber wie die ganze irdische Welt als ein Läuterungsort aufzufassen ist. Von hier aus vermochte Origenes auch den Anschluss an die kirchliche Lehre vom Gericht und den Höllenstrafen zu finden. Aber wie dem Clemens ist ihm das Läuterungsfeuer ein zeitweiliges und uneigentliches; es besteht in den Qualen des Gewissens.

Schliesslich werden alle Geister im Himmel und auf Erden, ja selbst die Dämonen und der Teufel, vom Logos-Christus geläutert zur Gottheit zurückgebracht werden, aufsteigend von Stufe zu Stufe (durch die sieben Himmel hindurch). Daher hat Origenes diese Lehre als eine esoterische behandelt; "für den gemeinen Mann genügt es zu wissen, dass der Sünder bestraft wird, und der Geistmensch weiss, dass er als Geist mit Gott, dem Geiste, vereinigt sein wird, und dass das "ewige Evangelium" nur diese Botschaft enthält."

Origenes wandte sich gegen die Annahme einer »Seelenwanderung« von Menschenseelen in Tierkörper. Auch eine ewige Verdammnis lehnte er als unchristlich und als Irrlehre ab. Doch in einer Zeit zunehmender Christenverfolgung konnte sich die von ihm wiedererweckte Lehre des inneren Geist- und Tatchristentums nur vereinzelt gegen die Übermacht der äusseren Scheinchristentum durchsetzen. Ein gewaltiger Etappensieg dieser Machtchristentums war der Pakt, den Kaiser Konstantin, ein brutaler Machtpolitiker, im vierten Jahrhundert mit der römischen Kirche schloss.

Diese Lehre des Origenes erregte bei seinen Gegnern schon zu seinen Lebzeiten und in steigendem Masse in den folgenden Jahrhunderten lebhaften Widerspruch. Er führte schliesslich zu den so genannten "origenistischen Streitigkeiten", die im sechsten Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten. Sie wurden äusserlich erst durch das Eingreifen des oströmischen Kaisers Justinian mit Gewalt beendet. Diesem auf Ordnung und Einheitlichkeit bedachten und "religiös" interessierten Kaiser waren natürlich theologische Streitigkeiten in seinem Reich völlig zuwider. Als daher antiorigenistische Gruppen ihm eine Klageschrift, versehen mit Auszügen aus "den principiis" einreichten, griff er höchstpersönlich ein. (Diekamp, S. 41 f, Görgemanns/Karpp, S. 34; v. Hefele, S. 786 f).

Im Januar des Jahres 543 erliess er ein Edikt gegen Origenes und seine Lehren. Das kaiserliche Edikt ist eines der wichtigsten Dokumente der Religionspolitik Justinians und zugleich ein getreuer Ausdruck der unter den Antiorigenisten herrschenden Anschauungen und Gesinnungen. Seinen Inhalt gibt Diekamp so wieder:

Der Kaiser beteuert im Eingang, es sei stets seine erste Sorge, mit Gottes Hilfe den Glauben rein zu erhalten und der Kirche den Frieden zu sichern. Deshalb erachtete er es auch jetzt für seine Pflicht einzugreifen, da er vernommen habe, dass gewisse Personen dem Origenes und seinen Lehren anhängen, Lehren, die nicht mehr christlich, sondern heidnisch, manichäisch und arianisch zu nennen seien. Wagt dieser Mann es doch, die heilige und wesensgleiche Trias zu lästern und zu sagen, der Vater sei grösser als der Sohn, der Sohn grösser als der heilige Geist und der heilige Geist grösser als die anderen Geister. Er behauptet, der Sohn könne den Vater, der heilige Geist den Sohn nicht sehen; der Sohn und der heilige Geist seien Geschöpfe; was wir im Vergleich zum Sohn, das sei der Sohn im Vergleich zum Vater. Die göttliche Macht hält er für begrenzt, alle Gattungen und Arten für gleichewig mit Gott.

Von den geistigen Wesen ist ein Teil, wie er meint, in Sünde gefallen und zur Strafe in Leiber gebannt; nach dem Masse ihrer Sünden werden sie sogar zum zweiten und dritten Male und noch öfter in einem Leibe eingekerkert, um nach vollendeter Reinigung in ihren früheren sünde - und leiblosen Zustand zurückzukehren. Er nimmt auch verschiedene Welten an, die teils schon vorübergegangen sind, teils noch kommen werden."

"Wer wird nicht, fragt der Kaiser, von Entsetzen erfasst, wenn er von diesem Übermass der Gottlosigkeit hört? Alle Häretiker sind wegen der einen oder der anderen Irrlehre aus der Kirche ausgestossen worden; welcher Christ mag also dem Origenes anhängen wollen, der in seinen Schriften so viele Lästerungen vorgetragen und fast allen Ketzern so viel Stoff zu ihren Verderben bringenden Lehren dargeboten hat und deshalb schon vor alters von den heiligen Vätern mit dem Anathema (d. h. der Verfluchung) belegt worden ist? Zwar hat er auch einige wahre Dogmen in seine schlechten Bücher aufgenommen. Aber dieselben sind eben nicht sein Eigentum, sondern das der Kirche; und nur aus böser Absicht hat er so gehandelt und seine abscheulichen Lehren besonders in seine Erklärungen der heiligen Schriften eingestreut, um arglose Seelen desto leichter zu täuschen. Plato ist sein Lehrmeister gewesen; Arios hinwieder hat von ihm gelernt; dem Manichäer steht er an Gottlosigkeit nicht nach." Quelle A. v. Harnack: "Lehrbuch der Dogmengeschichte", Bd. I, S. Franz Diekamp: "Die origenistischen Streitigkeiten im sechsten Jahrhundert."

Ein neuer Verfechter des inneren Christentums war Arius (ca. 260-336),

der ebenfalls aus Ägypten stammte und unmittelbar an die Lehren des Origenes anknüpfte. Doch die Lehre des Arius, insbesondere seine Ablehnung der völligen Gleichsetzung von Gott-Vater und Christus in der amtskirchlichen Dreifaltigkeitslehre, wurde auf dem Konzil von Nizäa (325) von Konstantin verboten. Als Arius nach weiteren geistigen Kämpfen, rehabilitiert wurde, vergiftete man ihn (336) in Konstantinopel. Man hätte die Anhänger der Lehre des Origenes, die der frühchristlichen Lehre entsprach, eigentlich »Origenisten« nennen können - doch weil Origenes auch in der Kirche noch immer grosses Ansehen genoss, nannten die Theologen der Romkirche die Anhänger seiner Lehre lieber »Arianer«.

Der Kampf zwischen Katholiken und Arianern ging im weströmischen Reich noch bis zum Ende des vierten Jahrhunderts weiter. Teilweise fanden regelrechte Schlachten z.B. um den Besitz von Kirchen statt; die Arianer sanken dabei zum Teil auf das Niveau der Katholiker. Dann sorgte »Kirchenvater« Ambrosius (ca. 333-397) für ihre gnadenlose Verfolgung und für die Anwendung römischer Strafgesetze gegen sie: Beschlagnahmung von Gebäuden und Vermögen, Aberkennung bürgerlicher Rechte, Verbannung, Tod. Der Spanier Priscillian, der ebenfalls origenistische Ideen vertrat, unter anderem eine vegetarische Ernährung empfahl und das prophetische Wort schätzte, wurde 385 in Trier enthauptet – der erste von der Rom-Kirche ermordete »Ketzer«. Von nun an war klar, was jeden anderen erwartet, der nicht den römisch-katholischen Glauben annehmen wollte.

Doch über eine geografische »Hintertüre« bekamen die Gedanken des Origenes neuen, ungeahnten Aufschwung:

Der Gote Wulfilas (313-383),

dessen Vorfahren aus Kleinasien stammten, lernte in Konstantinopel die Lehre des Origenes kennen und brachte sie den Goten nahe. Es entstand so etwas wie eine gotische Volkskirche, die zwar nicht direkt als »urchristlich« bezeichnet werden kann – die Goten waren z.B. wie alle Germanen, im Gegensatz zu Jesus von Nazareth, keine Pazifisten, sondern in ihrer Mehrzahl eher kriegerische Naturen. Die gotisch-arianische Kirche kannte auch Priester und Bischöfe, obwohl Jesus solche nicht eingesetzt hat. Doch diese mussten von ihrer Hände Arbeit leben und waren verheiratet. Es gab keinen Papst, keinen Kirchenzehnt, keine Heiligen- oder Reliquien-Verehrung, keinen Mutter-Gottes-Kult, keine Ohrenbeichte, keine Kindertaufe, kein rituelles Abendmahl, sondern ein »Brudermahl« nach urchristlichem Vorbild.

Es gab zwar Klöster, aber deren Insassen blieben dort nur »auf Zeit« ohne lebenslange Gelübde. Bemerkenswert ist auch die Toleranz der germanischen Arianer: In den von ihnen beherrschten Gebieten machten sie keine Missionierungs-Versuche und beliessen in der Regel den Katholiken ihre Kirchen. »Religion kann man nicht anbefehlen«, lautete der Grundsatz des in Italien herrschenden Ostgotenkönigs Theoderich. Intolerant gegenüber Katholiken waren zeitweise lediglich die Wandalen, ebenfalls ein arianischer Germanenstamm, in Nordafrika. Die Arianer zeigten selbst in Kriegszeiten Achtung vor ihren Gegnern: Während der katholisch - byzantinische General Belisar 536 nach der Eroberung der von den Ostgoten verteidigten Stadt Neapel Plünderungen billigte und ein Blutbad anrichten liess, bei dem auch katholische Einwohner nicht geschont wurden, liess der Ostgote Totila alle Einwohner nach der Rückeroberung 543 am Leben, versorgte sie mit Nahrung und liess sie gehen, wohin sie wollten, stattete sie teilweise sogar mit Reisegeld aus.

Die meisten der Germanenstämme, die seinerzeit rund um das Mittelmeer siedelten, nahmen den arianischen Glauben an. Erst die Vernichtungskriege Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert gegen Wandalen und Ostgoten sowie die Unterwerfungs-Feldzüge der katholischen Franken gegen ihre germanischen Nachbarstämme im 7./8. Jahrhundert sorgten für den Sieg der römischen Kirche über die verhasste »Häresie«.

Im Jahre 543 liess Kaiser Justinian die Lehren des Origenes verdammen, nicht zuletzt um die Religion seiner Kriegsgegner, der Ostgoten, in Verruf zu bringen. Dadurch trägt er die Hauptverantwortung für die totale Deformation der christlichen Lehre.

Doch die Lehren des Origenes, die unter den Germanen - in freilich etwas abgewandelter Form - über viele Jahrhunderte Bestand hatten, wichen nur vorübergehend der kirchlichen Gewalt. Es ist sicher kein Zufall, dass ehemals von Goten besiedelte Gebiete, nämlich Oberitalien, Südfrankreich, Bulgarien, Bosnien, in späterer Zeit zum Nährboden für die bogumilische und katharische Bewegung wurden – die dann ebenfalls von der Kirche verfolgt und ausgerottet wurden. Doch bereits zur Reformationszeit tauchten in Ungarn und Polen wieder Glaubensgruppen auf, die sich »Arianer« nannten und an den Glauben der längst besiegt Geglaubten wieder anknüpften. Menschen kann man umbringen - Ideen und Ideale nicht.

Die Verfluchungen Origenes

Zu den dabei erneut erfolgten (diesmal) 15 Verfluchungen gab Papst Vigilius im voraus seine ausdrückliche Zustimmung. Sie waren zwar kein offizieller Bestandteil des 5. ökumenischen Konzils, wurden aber doch von der Gesamtkirche gebilligt. Manche Kirchenhistoriker rechnen diese erneuten 15 Verfluchungen bereits der Synode von 543 zu . Der eigentliche Anlass zu den päpstlichen Verfluchungen war der vorhergehende Fluch über Origenes vom Kaiser Justinian selbst. Zu diesem Fluch hat ihn angeblich seine Gattin Kaiserin Theodora gedrängt, die als ehemalige Prostituierte 400 ihrer ehemaligen Kolleginnen foltern und hinrichten liess. Dazu belasteten Justinians Gewissen auch seine eigenen zahlreichen Verbrechen bei den von ihm angeordneten Eroberungen und "Befriedungen".

Von den 15 Verfluchungen der 165 anwesenden Bischöfe des Konzils lauten die ersten sieben, die für unsere Betrachtung hier wesentlich sind:

1. "Wenn einer die erdichtete Präexistenz der Seelen und ihre daraus folgende phantastische Wiederherstellung vertritt, so sei er verflucht (griechisch "anathema esto)

2. Wenn einer sagt: Der Ursprung aller Vernunftwesen seien Intelligenzen ohne Körper und Stoff gewesen, zahllos und namenlos, und sie alle hätten eine Einheit gebildet durch die Identität der Substanz, der Kraft und Wirksamkeit und durch ihre Einung mit dem Gott-Logos und seine Erkenntnis; dann haben sie Überdruss erfasst an der Schau Gottes; sie hätten sich zum Schlechteren gewendet, je nachdem wie sehr eine jede dazu hinneigte, und hätten Körper angenommen, feinere oder dichtere, und einen Namen zugeteilt bekommen - denn es gibt Unterschiede sowohl der Namen wie auch der Körper bei den oberen Mächten -, und so seien sie teils Cherubim, teils Seraphim, teils Fürstentümer, Gewalten, Herrschaften, Throne, Engel und was es sonst an himmlischen Ordnungen gibt, geworden und benannt worden - so sei er verflucht.

3. Wenn einer sagt: Die Sonne, der Mond und die Sterne hätten ebenfalls zu der gleichen Einheit der Vernunftwesen gehört und seien durch eine Wendung zum Schlechteren das geworden, was sie sind - so sei er verflucht.

4. Wenn einer sagt: Die Vernunftwesen, die von der Liebe zu Gott erkalteten, seien an dichtere Körper gebunden worden, wie wir sie haben, und seien Menschen genannt worden; die aber, die zum Gipfel der Schlechtigkeit fortgeschritten seien, seien an kalte und finstere Körper gebunden worden, sie seien und hiessen Dämonen oder Geister der Bosheit (vergl. Eph. 6, 12) - so sei er verflucht.
5. Wenn einer sagt: Aus dem Stand der Engel und Erzengel entstehe der Stand der Seelen, aus der Seele dann der Stand der Dämonen und Menschen, aus dem menschlichen wieder Engel und Dämonen; und jede Ordnung der himmlischen Machte sei entweder ganz aus den höheren oder aus den niederen (Wesen) entstanden oder aber aus den höheren und den niederen - so sei er verflucht.

6. Wenn einer sagt: Das Geschlecht der Dämonen sei zwiefach in Erscheinung getreten, es sei zusammengesetzt aus menschlichen Seelen und aus höheren Geistern, die hierhin herabgesunken seien; nur eine einzige Intelligenz aus der ganzen angeblichen Einheit der Vernunftwesen sei unerschüttert in der Liebe und Schau Gottes geblieben, sie sei zum Christus und König aller Vernunftwesen geworden und habe die ganze körperliche Natur ins Dasein gerufen, den Himmel, die Erde und was dazwischen ist; der Kosmos habe Elemente, die schon vor seinem Dasein existiert hätten: das Trockene, Feuchte, Warme, Kalte sowie die Idee, nach der er geformt sei, und erst auf Grund davon sei er entstanden; nicht die hochheilige und Wesens eine Dreifaltigkeit habe die Welt geschaffen, und deshalb sei diese geworden, sondern der so genannte Schöpferische Nus (griech. = Vernunft, Geist, Wille), der vor der Welt existiert und der Welt selbst das Sein verliehen habe, habe sie als Gewordene hingestellt - so sei er verflucht.
7. Wenn einer sagt: Christus, der, wie es heisst, in göttlicher Gestalt war (vergl. Phil. 2, 6) und vor aller Zeit mit dem Gott-Logos geeint war, habe sich in den jüngsten Tagen entäussert (vergl. Phil. 2, 7) zum Menschlichen, da er Mitleid hatte mit dem, wie sie sagen, "vielzerteilten Fall" der Wesen, die zur gleichen Einheit gehörten; und in der Absicht sie zurückzuführen, sei er zu allen gekommen, er habe sich in verschiedene Körper gekleidet und verschiedene Namen angenommen, er sei allen alles geworden (vergl. 1. Kor. 9, 22), unter Engeln ein Engel, unter Mächten eine Macht, und unter den anderen Ordnungen und Arten der Vernunftwesen habe er die zu einer jeden passende Gestalt angenommen; endlich habe er "ähnlich wie wir Fleisch und Blut erhalten" (vergl. Hebr. 2, 14) und sei auch für die Menschen Mensch geworden - und wenn einer nicht bekennt, dass der Gott-Logos sich entäussert hat und Mensch geworden ist - so sei er verflucht."

Obwohl das Wort Reinkarnation nicht benutzt wurde, wird durch die Lehre von Origenes jeder Sünder doch klar gewarnt: "Von den geistigen Wesen ist ein Teil, wie er (Origenes) meint, in Sünde gefallen und zur Strafe in Leiber gebannt. Nach dem Mass ihrer Sünden werden sie sogar zum zweiten und dritten Male und noch öfter in einem Leibe eingekerkert, um nach vollendeter Reinigung in ihren früheren sünde- und leiblosen Zustand zurückzukehren." Von diesen älteren (auch Buddhas) Auffassung verwandelte Jesus die Materie zur Lebens-Schule, durch die auch die höchsten Engel gehen müssen. (34) "Was du säst wirst du ernten", bleibt auch für diese Lebensschule gültig.

Die Romkirche zerschlug im Laufe der Spätantike immer wieder jede religiöse Strömung, die Anschluss an das frühe Christentum suchte – seien es die Markioniten, Montanisten, Manichäer oder Origenisten. Immer wieder jedoch entkamen einzelne Gläubige oder ganze Gruppen den Nachstellungen der sie im Auftrag der Kirche verfolgenden staatlichen Häscher und flüchteten in Nachbarregionen (71).

Die Lehre von Origenes hat Justinian so verängstigt, dass er ihn, seine Lehre und seine Schüler als erste verfluchte und die Fluchlavine durch die ganze Kirche (vom Papst angefangen) auslöste.

Die Vorstellungen von Origenes waren ganz richtig und entsprachen den Erkenntnissen seiner Innenschau, sowie der von Buddha und vielen anderen Mystikern, wie sie in den vorherigen Kapiteln vorgestellt wurde.

Nur das Unwissen und die böswilligen Unterstellungen der Verfluchenden haben den Sinn seiner Lehre total missverstanden und verdreht. Aus der heutigen Sicht sind alle diese Flüche absolut lächerlich und haltlos.

Dennoch verursachte diese falsche "Interpretation", dass für die damals noch vereinte christlich-katholische Kirche das Thema "Präexistenz-" und "Wiedergeburt der Seele" für 1300 Jahre (seit 553) vom Tisch gefegt wurde. Erst der in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommende neuzeitliche Spiritismus und Spiritualismus belebte für Christen das Thema erneut. Es fällt auf, dass in der Übersetzung und Bearbeitung des Rufinus und in den Verfluchungen von 543 und 553 der Begriff des mehrfachen irdischen Lebens und der Wiedergeburt gar nicht auftritt.

Die Einberufung beider Konzilen von der weltlichen Macht gibt die eindeutige Indiz dafür, um welche Interessen sich hier handelte und wer in der Staatsreligion des römischen Reiches was zu sagen hatte. Dem Kaiser Justinian I., der den zweiten Konzil nach Konstantinopel berufen hat, ging es, ebenso wie seinem Vorgänger Konstantin I. beim ersten Kongress in Nicäea, nicht um die religiöse Wahrheit, sondern, um die Staats- und Machtinteressen (da die christliche Kirche seit 312 zur Staatsreligion wurde, und die Einheit des Reiches durch die Differenzen und Kämpfe in der Kirche bedroht würde).

Auch den heutigen Führungshiearchien der "christlichen" exoterischen Kirchen (welche die Beschlüsse und Flüche ihrer geistig blinden Vorgänger der beiden Konzilen als ihre eigenen Glaubenssätze schweigend übernommen haben und sie noch - trotz allen Reformversuchen - mit der brutalsten "Gegenreformation" auch weiter aufrechterhalten, geht es auch weiterhin mehr um die Macht als um die Wahrheit. So bleiben sie, wie bereits zur Zeit Jesu, die "blinden Blindenführern der Blinden" (Matt. 15,14). Um die Aufforderung Jesu: "Erkennt die Wahrheit und die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh. 8,32) haben sie sich nie ernst gekümmert und so hat sie auch die göttliche Wahrheit nicht frei machen können. Auch die spirituelle Innenschau ist für sie gleichermassen ein Fremdwort geblieben.

Ursprünglich war die christliche gnostische Kirche - als Exponent eines esoterischen Christentums - auch betreffs Wiedergeburt und Karma in Übereinstimmung mit den alten orientalischen Lehren.

Die beiden grossen Lehren der Dreifältigkeit und Inkarnation entwickelten sich in vorchristlichen Zeiten in Indien und waren, vor sechstausend Jahren, die wesentlichen Lehren des Osiris-Glauben Ägyptens. So wurde auch Origenes, der Schüler St. Clements von Alexandria und der bestinformierte und gelehrteste der Kirchenväter, der die Lehre von Wiedergeburt und Karma für christlich hielt, etwa zweihundertneunzig Jahre nach seinem Tode wegen seines Glaubens von der exoterischen Kirche exkommuniziert: «Aber dass der Menge gewisse Lehren nicht bekanntgegeben werden sollten, die erst entschleiert werden, nachdem die exoterischen gelehrt worden sind, ist nicht eine Besonderheit des Christentums allein, sondern auch der philosophischen Systeme, in welchen gewisse Wahrheiten exoterisch, andere aber esoterisch sind.» Dass Origenes mit dieser Ansicht ein richtiger Christ war, wird bestätigt durch Jesus selbst: "Er sagte zu den zwölfen: Euch ist das Geheimnis des Gottesreiches gegeben - doch denen draussen wird alles in Gleichnissen gesagt, damit sie mit sehenden Augen sehen und doch nichts erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch nichts verstehen und damit auch nicht umkehren und Vergebung empfangen können". (Markus 4, 10-12)

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